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GALORE Magazin Juli/August: zwei Seiten Interview


#1

http://www.galore.de/index.php?id=43&030-2007&start=1

und zwei bekannte Bilder.



Bin z.Z. bei der Arbeit und kann hier keine Zeitschriften lesen, aber werde heute abend noch berichten, ob etwas interessantes drin steht.


#2

;D Habe alles für euch abgetippt:



15.03.07, Los Angeles. Auf einem gemachten Bett im Hotel Four Seasons thront Quentin Tarantino mit untergeschlagenen Beinen, eine halbvolle Kaffeetasse in der Hand.

Obwohl er schon einen Interviewmarathon hinter sich hat, sieht er überhaupt nicht erschöpft aus. Im Gegenteil: Er explodiert geradezu vor Mitteilsamkeit.



Mr. Tarantino, Sie wollten beim letzten Bond-Film “Casino Royale” Regie führen, aber man hat Sie nicht gelassen. Waren Sie sehr enttäuscht?

QT: Ich würde wahnsinnig gerne bei einem Bond-Film Regie führen, deshalb war ich natürlich enttäuscht, das der Broccoli-Clan mich nicht ranlassen wollte. Aber ich verstehe auch, dass sie sich das perfekt eingeführte Franchise nicht von einem wie mir aus der Hand nehmen lassen wollten. Denn eines ist selbstverständlich sonnenklar: Er wäre ein typischer Tarantino-Film geworden.



Was ist denn ein typischer Tarantino-Film?

Ein echter Tarantino ist immer zuerst eine Hommage an ein gewisses Genre - oder auch an mehrere Genres gleichzeitig. Zum Beispiel habe ich mir bei Reservoir Dogs das Heist-Genre vorgenommen und daraus etwas ganz Eigenes und Eigenartiges gemacht. Ebenso bei den beiden Kill Bill Teilen; sie waren eine Tour de force durch einige meiner Lieblingsgenres.

Es war sozusagen mein Spaghettiwestern-Kung-Fu-Yakuza-Hong-Kong-Triaden-Film und mein Bad-Ass-Girl-Blaxploitation-Drama in einem. Ich studiere für mein Leben gern B-Filme inklusive alles Subgenres.



Und für Ihr neues Werk Death Proof war nun also das Grindhouse-Genre dran.

Ja. Es vereint wiederum sehr viele verschiedene Arten von Themen in sich: Kung-Fu, Zombie, Killerbienen, Horror, Sex, Drogen, Kannibalisus, WerwolfSchön, , Gore und Katastrophen, um nur einige zu nennen.

Death Proof fängt wie ein Slasher an und endet als lupenreine Autoverfolgungsjagd. Und das der Killer statt eines Messers ein Auto benutzt, ist eben der gewisse Quentin-Dreh. Aber natürlich kommt keiner meine Filme ohne die langen Dialogsequenzen aus.



Die diesmal besonders rhythmisch akzentuiert sind.

Schön, dass Sie das bemerkt haben. Ich habe sie nämlich fast wie die Strophen eines Songs komponiert. Dialoge sind für mich immer essentiell, und diesmal habe ich ganz besonders auf den Klang der Worte geachtet. Dieses rhythmische Wortgefühl habe ich mir von Radio-Discjockeys abgehört. Als Teenager lief bei mir das Radio fast 24 Stunden am Tag.

Einige Death Proof Texte habe ich sogar Bob Dylan geschickt, weil ich dachte, dass er an dem einem oder anderen Wortspiel vielleicht Gefallen finden würde.



Haben Sie eine Antwort von ihm bekommen?

Bisher leider nicht.


#3

Stimmt es eigentlich, dass Sie Sean Penn auf den Filmtitel Death Proof gebracht hat?

Ja, das war während einer feuchtfröhlichen Nacht in seinem Hotelzimmer. Sean behauptete nach dem fünften Bier steif und fest, dass man jeden Wagen deathproof, also hundert Prozent unfallsicher, machen kann.

Man müsste ihn nur als Stuntman-Auto aufrüsten, mit Überschlagbügel, fest verschweißten Sitzen, extra Sicherheitsgurten und so weiter. Das ging mir nicht mehr aus dem Kopf.



Wie gehen Sie darüber hinaus das Drehbuchschreiben an? Haben Sie ein System?

Nein, ich arbeite sehr chaotisch, mixe Gehörtes mit Ausgedachtem, Filmzitate mit Rock’n’Roll Texten, Sprechblasen mit Literatur - nur adrenalinhaltig muss es sein.

Es ist eben alles eine Frage von Imagination und Assoziation. Ich kann genauso gut die Gebrauchsanweisung für ein Aphrosiakum als Ausgangspunkt für eine Dialogszene benutzen wie einen Monolog aus Richard III oder eine James-Bond-Phrase. Ich nehme ein bisschen von hier, ein wenig von da und sehr viel von mir.



Die Schmuddelkinos von Manhattan Beach waren aber durchaus prägend für Sie, oder?

Sie waren für mich die beste Schule, die ich mir vorstellen konnte. Und natürlich das Fernsehen. Mein Job als Videothekar hat ein Übriges getan, ich saß an der Quelle. (überlegt) Wissen Sie, was ich an Filmen am meisten liebe? Wenn sie eine Geschichte erzählen. Ich habe nämlich das Gefühl, dass diese typische Kunst des amerikanischen Kinos zunehmend verloren geht.



Warum haben Sie eigentlich in 15 Jahren gerade einmal fünf Filme gedreht?

Moment, ich habe in dieser Zeit immerhin ein paar Drehbücher geschrieben, als Schauspieler gearbeitet, fürs amerikanische Fernsehen gedreht und war als Gastregisseur tätig! Aber Sie haben Recht: Fünf Filme in 15 Jahren sind nicht gerade viel. Dabei platze ich geradezu vor Ideen. Ich wollte, wie mein Freund Robert Rodriguez es jetzt mit Planet Terror getan hat, auch schon lange einen Zombiefilm machen. Oder einen Western. Ich schreibe auch schon eine halbe Ewigkeit an meinem Weltkriegsdrama Inglorious Bastards, aber ich finde einfach kein richtig gutes Ende dafür.



Vielleicht beruhigt Geld, wie man landläufig sagt, nicht nur die Nerven, sondern auch die Kreativität?

Das wäre schlimm, trifft aber nicht auf mich zu. Es stimmt zwar, dass ich seit Pulp Fiction so viel Geld habe, dass ich mir um meinen Lebensunterhalt keine Sorgen mehr machen muss, aber ich bin dadurch bestimmt nicht künstlerisch impotent geworden.

Ich lasse mir eben Zeit, weil ich nie in die Situation kommen möchte, mich irgendwann für meine Filme entschuldigen zu müssen. Ich kann die Regisseure, deren Werk auch in ihrer zweiten Schaffensperiode so vital ist wie in der ersten, an einer Hand abzählen und mir vorher noch ein paar Finger abschneiden.



Fallen Sie eigentlich nach der letzten Klappe in ein Loch?

Nein, zwischen den Filmprojekten lebe ich eben ein etwas anderes Leben. Ob es intensiver, wirklicher, wesentlicher ist, kann ich Ihnen nicht sagen.

Wenn der Film abgedreht ist und in die Kinos kommt, kann ich relaxen. Dann schlafe ich erst einmal eine Woche lang und rede kein einziges Wort. (lacht) Ich weiß , das ist sehr schwer vorstellbar. Aber natürlich habe ich auch ein Privatleben. Was denken denn die Leute von mir? Das ich nur Filme schaue?



Sie müssen zugeben, dass die Vorstellung nahe liegt. Was tun Sie also, wenn Sie frei haben?

Ich treffe mich mit Freunden, gehe mal mit einer Frau aus oder fahre den Sunset-Strip rauf und runter. Ich bin definitiv nicht nur der absolute Filmnarr,

für den mich alle halten. Ganz abgesehen davon habe ich viel zu gute Manieren, als dass ich Leute, die mit mir ihre Zeit verbringen, ununterbrochen damit zutexten würde. Aber jetzt, in so einem Gespräch, rede ich gerne über Film.

Wissen Sie zum Beispiel, dass ich ein glühender Edgar-Wallace-Fan bin? Und ich meine nicht seine Bücher, sondern diese herrlich deutschen Verfilmungen aus den 60er Jahren: Der grüne Bogenschütze, Der Hexer, Der Frosch mit des Maske - einfach sagenhaft.



Dann sind Sie sicher auch ein großer Fan von Klaus Kinski.

Ja, natürlich. Aber auch Joachim Fuchsberger, Sophie Hardy und Elisabeth Flickenschildt finde ich ganz wunderbar. (stutzt) Wissen Sie, was mir gerade auffällt?Wir sprechen ja nun schon seit einiger Zeit miteinander, und bis jetzt wurde die Gewaltfrage noch gar nicht gestellt.



Sie meinen, es sei an der Zeit zu fragen, warum in Ihren Filmen immer so viele Gewaltszenen vorkommen?

Ich habe keine Scheu darüber zu sprechen. Mir gefallen Gewaltdarstellungen im Kino - nur gut müssen sie sein. Die eigentliche Gewalt findet ja nicht im Film, sondern in der Wirklichkeit statt. Im Film dienen Gewaltdarstellungen ebenso der Unterhaltung wie meinetwegen Tanzszenen oder Slapstick.

Wenn zum Beispiel ein weißer Hai in einem Spielberg-Film Menschen anfällt, finde ich das ungeheuer aufregend. Wenn er es an der Küste Floridas tatsächlich tut, ist es schrecklich. Wenn sich die Leute darüber beklagen, dass es in meinen Filmen so explizite Gewaltdarstellungen gibt, dann muss ich mich schon wundern. Das ist in etwa so, als wenn man bei einem Metallican-Konzert darauf bestehen würde, dass sie leiser spielen.



Wenn man bei seiner Arbeit aus so einem großen Fundus wie Sie schöpfen kann, der Filme, Musik, Comics, Krimis und Pop-Art einschließt, kommt man da nicht ständig in Versuchung, Ideen von anderen zu klauen?

Wir bedienen uns doch alle aus der weltliteratur, aus dem Kino, der Musik. Wichtig ist nur, dass man mit den Elementen etwas Eigenes, Originelles kreiert und nicht einfach Vorhandenes abkupfert.

In meinen Paralleluniversen gibt es zum Beispiel keine versteckte Werbung, weil ich die gezielte Platzierung von Produkten hasse wie die Pest. Also habe ich Fantasie-Zigaretten, -Kaffee oder -Bier für meine Filme erfunden.



Könnten Sie sich vorstellen, einen realistischen Film zu drehen, also einen, der versucht, die Wirklichkeit zu reflektieren?

Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Vielleicht, wenn ich alle meine anderen Filme, die jetzt noch in meinem Kopf sind, gemacht habe.



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Interview Ulrich Lössl.


#4

Vielen Dank! :smiley:


#5

Wow, danke! :slight_smile:



Die Sean Penn Geschichte kannte ich gar nicht.



Dass Quentin Edgar Wallace Fan ist wusste ich seit er es Charlotte Roach in einer Sendung verraten hat, hehe.


#6

:slight_smile: Vielen Dank für das interessante Interview! :slight_smile: